Gay Piraten - gab es Piraten die schwul waren?

Schwule Piraten – wie viel Homosexualität gab es unter den Freibeutern auf hoher See?

Waren Piraten schwul?

Viele wohl ja, zumindest zeitweise. Sex unter Männern war auf Piratenschiffen des 17. und 18. Jahrhunderts sehr wahrscheinlich verbreitet, und unter den Bukaniern der Karibik gab es mit der Matelotage sogar feste Partnerschaften zwischen zwei Männern, die Besitz teilten und sich gegenseitig beerbten. Wie viele dieser Bündnisse auch sexuell waren, ist unter Historikern umstritten, weil kaum Quellen überliefert sind.

In seinem dokumentarischen Werk „Sünde auf See“ erkundet der Düsseldorfer Schriftsteller und passionierte Segler Klaus Hympendahl eine oft übersehene Facette der Seefahrtsgeschichte. Durch sorgfältige Recherche in Archiven und schwer zugänglichen Quellen beleuchtet er die sexuellen Beziehungen unter Seeleuten, die weit über heteronormative Erwartungen hinausgehen. Der Film „Brokeback Mountain“ von Ang Lee hat bereits die Möglichkeit zärtlicher Gefühle zwischen Männern im rauen Cowboy-Milieu aufgezeigt; Hympendahl erweitert nun diesen Diskurs auf die Welt der Seefahrt.

Hympendahl deckt auf, dass homosexuelle Beziehungen unter Piraten keine Seltenheit waren. Viele von ihnen stammten aus der englischen Unterschicht und wuchsen in rein männlichen Gemeinschaften auf, was ihre sexuellen Präferenzen prägte. In der Piraterie fanden sie einen Lebensweg, der es ihnen ermöglichte, ihre frühen sexuellen Erfahrungen fortzusetzen. Der Autor beschreibt, wie Sex unter Männern – von Analverkehr bis Masturbation, unabhängig von der Teilnehmerzahl – innerhalb dieser Gemeinschaften akzeptiert wurde, was ein bisher kaum angesprochenes Kapitel der maritimen Geschichte aufschlägt.

Gab es schwule Piraten?

Allein unter Männern

Neben der Homosexualität auf hoher See räumt Hympendahl auch mit dem Vorurteil auf, dass Frauen an Bord Unglück bringen würden. Er zeigt, dass Frauen in vielfältigen Rollen – als Passagiere, Mätressen, Prostituierte, in Männerkleidung oder sogar als Piratinnen – stets Teil der Seefahrtsgeschichte waren. Er erzählt von britischen Marineoffizieren mit abenteuerlichen Liebesleben, die denen Casanovas gleichkamen, und von einer ehemaligen chinesischen Prostituierten, die vor 200 Jahren eine mächtige Piratenflotte befehligte. Auch die verborgenen Geschichten hinter manchen Galionsfiguren werden enthüllt.

„Sünde auf See“ bietet somit nicht nur Einblicke in die sexuelle Historie der Seefahrt, sondern entpuppt sich auch als tiefgründige Sozialgeschichte der Schifffahrt. Hympendahls Werk verschiebt die romantisierte Vorstellung der Seefahrt in das Reich der Sentimentalität und bietet einen ungeschönten Blick auf das Leben und die Liebe auf den Weltmeeren.

Gab es schwule Piraten?

Sehr wahrscheinlich ja, auch wenn die Quellen dünn sind

Die Annahme, dass sexuelle Beziehungen zwischen Männern auf hoher See weit verbreitet waren, stützt sich auf eine Kombination historischer Belege und soziokultureller Dynamiken, die innerhalb der abgeschlossenen Gemeinschaften auf Schiffen herrschten. Lange Seereisen, die Isolation vom Rest der Welt und das Fehlen weiblicher Gesellschaft an Bord schufen einen Rahmen, in dem Männer enge emotionale und physische Beziehungen miteinander entwickelten. Diese Umstände trugen dazu bei, dass sexuelle Interaktionen zwischen Männern nicht nur aus Notwendigkeit, sondern auch als Ausdruck von Zuneigung und Kameradschaft entstanden.

Historiker und Sozialwissenschaftler weisen darauf hin, dass die strikten sozialen Normen und Geschlechterrollen, die an Land galten, auf See oft weniger rigide gehandhabt wurden. Dies ermöglichte es Männern, ihre Sexualität freier zu erkunden und Beziehungen zu pflegen, die an Land möglicherweise verborgen oder unterdrückt worden wären. Die Notwendigkeit, auf engstem Raum zu leben und zu arbeiten, förderte eine Intimität, die in anderen Umständen selten zu finden war. Diese einzigartigen Bedingungen auf Schiffen machten sexuelle Beziehungen zwischen Männern zu einer praktischen Realität des Seefahrerlebens.

Darüber hinaus spielten praktische Überlegungen und die Suche nach Trost und Nähe in der rauen und oft brutalen Welt der Seefahrt eine Rolle. Die Männer, die monate- oder jahrelang dem Unwetter, der Gefahr und der Einsamkeit trotzen mussten, suchten nach menschlicher Verbindung als eine Form des emotionalen Überlebens. In diesem Kontext wurden sexuelle Beziehungen zwischen Männern zu einem integralen Bestandteil des Lebens auf See, eingebettet in die komplexe Sozialstruktur und die Überlebensstrategien innerhalb der Seefahrtsgemeinschaften.

Die schwulen Freibeuter waren nicht allein…

Die Annahme, dass homosexuelle Beziehungen unter Männern auf hoher See weit verbreitet waren, wirft ein neues Licht auf die Dynamik und sozialen Strukturen innerhalb der Seefahrtsgemeinschaften. Diese Erkenntnisse lassen vermuten, dass ähnliche Muster der Homosexualität auch in anderen, von Männern dominierten Bereichen und Gemeinschaften zu finden sind, in denen enge Bindungen und isolierte Bedingungen vorherrschen. Beispiele hierfür könnten militärische Einheiten, Bergbau-Gemeinschaften oder auch Bauarbeiter-Camps sein, in denen Männer über längere Zeiträume hinweg in Abgeschiedenheit und unter Ausschluss von Frauen zusammenlebten.

Auch historisch: Homosexuelle in allen Lebensbereichen

Historisch gesehen, gab es in vielen Kulturen und Epochen Hinweise darauf, dass homosexuelle Handlungen in solchen Gemeinschaften stattfanden, auch wenn sie nicht öffentlich zur Schau gestellt oder gar sanktioniert wurden. In der Antike beispielsweise waren homosexuelle Beziehungen innerhalb des Militärs in einigen griechischen Stadtstaaten bekannt und teilweise sogar Teil der sozialen Struktur, wie die Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Soldaten im spartanischen Heer zeigen. Diese wurden nicht nur toleriert, sondern galten als Mittel zur Stärkung des Zusammenhalts und der Kampfmoral.

In ähnlicher Weise könnten die isolierten und oft harten Bedingungen in Bergbaugemeinschaften oder auf langen Expeditionen in unerforschte Gebiete dazu geführt haben, dass Männer intime Bindungen zueinander aufbauten, die über reine Kameradschaft hinausgingen. Solche Beziehungen, die unter dem Druck extremer Bedingungen und Isolation entstanden, waren möglicherweise durch eine Notwendigkeit nach emotionaler und physischer Nähe motiviert, auch wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung der Zeit oft versteckt oder tabuisiert wurden.

Die Anerkennung dieser historischen Beispiele homosexueller Beziehungen in männlich dominierten Gemeinschaften fordert dazu auf, die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Vielfalt sexueller Orientierungen in verschiedenen sozialen und historischen Kontexten zu reflektieren. Sie zeigt, dass die menschliche Sexualität und emotionale Bindungsfähigkeit sich oft jenseits rigider gesellschaftlicher Normen und Erwartungen entfaltet.

Matelotage: die „Ehe“ der Bukaniere

Das stärkste historische Indiz hat einen Namen: Matelotage, abgeleitet vom französischen matelot für Seemann. Gemeint ist ein Bündnis zwischen zwei Männern, das unter den Bukaniern der Karibik im 17. und frühen 18. Jahrhundert verbreitet war. Die Partner teilten ihr Einkommen, schützten sich gegenseitig im Kampf und setzten sich als Erben ein. Starb einer, bekam der andere alles. Solche Verträge schlossen nicht nur Seeräuber, sondern auch Pflanzer an Land. Beschrieben hat den Brauch schon Alexandre Exquemelin, der selbst unter Bukaniern lebte (Überblick zur Matelotage).

War das eine Ehe zwischen Männern? Manche Historiker vergleichen die Matelotage mit einer eingetragenen Partnerschaft, andere sehen darin vor allem eine Versicherung auf Gegenseitigkeit in einem lebensgefährlichen Beruf. Vermutlich war es je nach Paar beides. Zwei Männer, die jahrelang Beute und Risiko teilen, sind nicht automatisch ein Liebespaar. Aber für Männer, die einander begehrten, bot die Matelotage einen Rahmen, den es an Land nirgends gab.

Was die Forschung sagt: Burg gegen Turley

Die bekannteste These stammt vom US-Historiker B. R. Burg. In seinem Buch Sodomy and the Pirate Tradition (erste Fassung 1983, überarbeitete Neuauflage bei New York University Press 1995) argumentiert er, dass Sex unter Männern bei den englischen Seeräubern der Karibik weit verbreitet war, für viele sogar die einzige Form von Sexualität auf See. Viele Piraten kamen schon als Jugendliche an Bord und lebten fast nur unter Männern.

Widerspruch kam unter anderem von Hans Turley. In Rum, Sodomy, and the Lash (1999) kommt er zu dem Ergebnis, die Belege für Sex unter Piraten seien so dünn, dass sie „fast nicht existent“ seien. Das Problem ist offensichtlich: Piraten schrieben kaum Tagebücher, und Sex unter Männern wurde in England mit dem Tod bestraft. Wer es tat, hat es nicht protokolliert. Die meisten Piratenhistoriker halten Burgs Schlussfolgerungen deshalb für zu weitgehend, schließen gleichgeschlechtliche Beziehungen auf See aber auch nicht aus.

Ein berühmtes Paar: Culliford und Swann

Ein Fall taucht in fast jeder Darstellung auf: Kapitän Robert Culliford und John Swann, Piraten im Indischen Ozean Ende des 17. Jahrhunderts. Ein zeitgenössischer Bericht von 1699 nennt Swann einen engen Gefährten Cullifords, „der mit ihm lebt“, auf der Insel Sainte-Marie vor Madagaskar. Ob die beiden ein Liebespaar waren, verrät die Quelle nicht. Sie zeigt aber, dass zwei Männer als Hausgemeinschaft auffielen und genau so beschrieben wurden.

Keine Frauen an Bord: was die Piratenkodizes verraten

Ein weiteres Indiz steckt in den Regeln, die sich Piratenmannschaften selbst gaben. Die Artikel des walisischen Piraten Bartholomew Roberts, überliefert in Charles Johnsons A General History of the Pyrates von 1724, verbieten ausdrücklich, Jungen oder Frauen an Bord zu haben. Wer eine Frau verkleidet aufs Schiff schmuggelte, sollte mit dem Tod bestraft werden (Volltext bei Project Gutenberg). Vermutlich sollte die Regel Streit an Bord verhindern. Sie zeigt aber auch, wie konsequent das Leben auf einem Piratenschiff ein Leben unter Männern war, oft über Monate und Jahre.

Schwule Piraten heute: vom Klischee zur Serie

Lange waren Piraten im Film raue Frauenhelden. Das hat sich gedreht. Die Comedyserie Our Flag Means Death (2022 bis 2023) erzählt die Geschichte von Stede Bonnet und Blackbeard als Liebesgeschichte zwischen zwei Männern und wurde dafür von einer queeren Fangemeinde gefeiert. Historisch belegt ist diese Romanze nicht, sie ist Fiktion. Aber sie trifft einen Punkt, den die Forschung seit Jahrzehnten diskutiert: Auf hoher See galten andere Regeln als an Land.

Häufige Fragen

Waren Piraten schwul?
Viele hatten sehr wahrscheinlich Sex mit Männern, oft monatelang ohne Frauen auf See. Ob sie sich selbst als „schwul“ verstanden hätten, ist eine andere Frage: Das Wort und die Idee einer festen sexuellen Identität gab es im 17. Jahrhundert noch nicht.

Was ist Matelotage?
Ein Bündnis zwischen zwei Bukaniern in der Karibik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Die Partner teilten Einkommen und Besitz und beerbten sich gegenseitig. Ob die Bündnisse auch sexuell waren, ist umstritten.

Gibt es historische Belege für schwule Piraten?
Direkte Belege sind selten, weil Sex unter Männern mit dem Tod bestraft wurde und kaum jemand darüber schrieb. Indizien sind die Matelotage, Berichte über zusammenlebende Piratenpaare wie Culliford und Swann und Bordregeln, die Frauen und Jungen verboten.

Welches Buch gilt als Standardwerk zum Thema?
B. R. Burgs Sodomy and the Pirate Tradition. Es ist umstritten, aber das meistzitierte Werk. Als Gegenposition gilt Hans Turleys Rum, Sodomy, and the Lash. Auf Deutsch erzählt Klaus Hympendahl in Sünde auf See die Sexualgeschichte der Seefahrt.

Wie wurde Sex unter Männern damals bestraft?
In England und in der Royal Navy stand darauf die Todesstrafe. Auf Piratenschiffen galten eigene, selbst gegebene Regeln. Wie dort im Einzelfall damit umgegangen wurde, ist kaum überliefert.

Gibt es Serien über schwule Piraten?
Ja, am bekanntesten ist Our Flag Means Death, in der Stede Bonnet und Blackbeard ein Paar werden. Die Serie ist Fiktion und keine Geschichtsquelle.

Wie Sex unter Männern in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert verfolgt wurde, liest du in unserem Beitrag zum Paragraph 175. Wo Homosexualität bis heute verboten ist, zeigt unsere Übersicht Länder, in denen Homosexualität strafbar ist. Und berühmte Männer, die heute offen schwul leben, findest du bei den schwulen Stars.

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